Das Problem mit dem Problem

Im September letzten Jahres stand der turnusmäßige Termin bei meinem Neurologen an. Wir hatten uns irgendwie ein wenig auseinandergelebt. Oder anders gesagt: Er ist zu einem unsensiblen Arschloch mutiert. Jedenfalls war mein Sympathielevel für ihn nicht mehr ganz so hoch wie früher. Ich konnte mich dann trotzdem dazu durchringen, etwas anzusprechen, was mich schon lange beschäftigte: Dass ich das Gefühl hatte, meine rechtsseitige Spastik verschlechtert sich. Er machte seinem Arschloch-Dasein dann alle Ehre, indem er mir so was sagte wie Na ja, Frau Mücklich, Sie werden halt älter. Müssen wir gucken, wie sich das entwickelt. Und Ihre Behandlung ist teuer genug. Ich glaube, Sie tun genug für Ihre Gesundheit.

Ja jut, Herzchen. Ich werd dieses Jahr 27. Ist jetzt eher nicht so das gängige Alter, in dem Mensch sich beschwert, er könne nicht mehr schmerzfrei laufen. Und die Sache mit dem Geld… Da kann ich ihnen nicht weiterhelfen. Muss ich auch nicht. Ich weiß, dass es für manche Menschen schwer zu verstehen zu sein scheint, dass behinderte Menschen sich das nicht ausgesucht haben. So im Sinne von: Ich hänge da in der Gebärmutter ab und denke: Meine Fresse, voll langweilig hier. Was könnte ich denn nur tun, um den Laden hier mal so richtig aufzumischen? – Geil man! Erst mal ’ne Behinderung! Da kommen so Aktionen wie Frühgeburt und Hirnblutung. Beatmung, künstliche Ernährung und 3 Monate Brutkasten, während ich Lambada singe und mich die Pfleger:innen mit Champagner übergießen. Wer kennt es nicht? THAT’S WHAT I WANT, DUDE!

Mag den Neurologen vielleicht überraschen, aber als ich das ansprach, ging es mir nicht darum rum zu heulen Mimimimi, ich bin ein Spasti und die ist schlimmer geworden und ich bin voll die arme Sau. Und dazu auch noch behindert! Es ging mir darum, dass ich dachte: Hey, vielleicht hab ich auch einfach mal ein Problem. So ein Problem, wie viele andere Menschen es im Laufe des Lebens mal haben. Sachen wie einen eingeklemmten Wirbel oder so was. Weil, und das ist die zweite Überraschung in kürzester Zeit: Auch wenn ich behindert bin, kann ich normale (körperliche) Probleme haben! Etwas, was ausnahmsweise mal nichts mit meiner Behinderung zu tun hat. Und ey ernsthaft, wenn ich – zwar als Betroffene, aber medizinische Laie – denke: Hm, ich hab jetzt da und da Schmerzen und die gehen nicht weg. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass das irgendetwas mit meiner Behinderung zu tun hat. Warum, ehrlich. W.A.R.U.M. sind so viele Ärztinnen und Ärzte unfähig, das zu erkennen?

Wenn du eine körperliche oder geistige Behinderung hast, brauchst du auch eigentlichen gar nicht mehr ins Krankenhaus fahren, wenn du dir beispielsweise seit einer Woche die Seele aus dem Leib kotzt. Weil das ganz sicher mit deiner Hirnblutung von vor 25 Jahren in Zusammenhang steht oder mit dem Syndrom, was du hast. Bis dann mal jemand auf die glorreiche Idee kommt: Alter, vielleicht hat die Frau auch einfach nur ’ne Magen-Darm-Grippe! ableistische Äußerungen sind hier das Eine. Ableistische Denkmuster sind hier aber das eigentliche Problem. Nicht die Äußerungen an sich führen dazu, dass behinderte Menschen sich unverstanden und als Person abgewertet fühlen. Sondern vor allem die ableistische Denke, die viele Menschen an den Tag legen. Diese ist es nämlich, die mich fühlen lässt: Egal ob beim Arztbesuch oder bei einem Bier mit Menschen, die ich nicht kenne: Ich werde nicht als Ganzes wahrgenommen, sondern auf meine Behinderung reduziert. Ich werde auf meine Handlungs- und Leistungsfähigkeit innerhalb der Gesellschaft reduziert.

Hallo. Ich bin ein behinderter Mensch. Und ich hab‘ auch mal ein normales Problem. Manchmal möchte ich in die Praxen und Krankenhäuser stürmen und diesen Satz auf einen Post-It schreiben, den Ärztinnen und Ärzten auf die Stirn kleben und schreien: Lies das! Rahm es dir ein und häng’s dir übers Bett!!

Den Neurologen habe ich dann gewechselt. Und noch dazu endlich mal einen Orthopäden gefunden, der mir nicht das Geld aus der Taschen ziehen will. Als behinderter Mensch bist du für viele Ärztinnen und Ärzte eine richtige Geldmaschine. Nur das du selbst nie etwas von diesem Geld sehen wirst. – Schade. Der jetzige Neurologe hat mich so richtig untersucht. So richtig, richtig. Zwischendurch hat der dann in sein iPad gequatscht und die Siri, oder wie die Trulla von Apple heißt, hat in meine Akte geschrieben, was der Doc ihr diktiert hat. Sogar mein Beckenschiefstand wurde fotografisch festgehalten. Kam dann raus, dass ich beginnende Skoliose habe. Der Doc war sich aber nicht sicher, ob das wirklich Skoliose ist oder das von meiner Schiefstellung kommt, weil mein rechtes Bein 1 Komma irgendwas Zentimeter kürzer ist als das Linke. Ich mache seit meinem vierten Lebensjahr Physiotherapie bei derselben Physiotherapeutin. Während der Sitzungen geht es hauptsächlich um meine Spastik und Feinmotorik. Das Rezept für die Physiotherapie darf/kann mir nur mein Neurologe ausstellen, weil auf dem Rezept „KG ZNS“ stehen muss. Steht für Krankengymnastik zentrales Nervensystem. Ergibt Sinn, denn: zentrales Nervensystem geschädigt, durch Hirnblutung. Dadurch Störungen im Bewegungsapparat. Easy. Meine Skoliose hat damit nichts zu tun. Hier geht es darum, Haltungsschäden vorzubeugen, indem ich mit der Physio entsprechende Übungen mache, die ich im besten Fall in meinen Alltag integrieren kann. Genauso Easy.

Nur eben mit dem Beigeschmack, dass mir suggeriert wird: Das Eine – die KG ZNS – ist eine Abweichung der Normalität. Das Andere – die Haltungsübungen – könnte jedem x-beliebigen Menschen verschrieben worden sein. Und ja. Das ist verdammt noch mal ein Problem. Und das größte Problem an diesem Problem sind wir selbst: Nicht-behinderte Menschen, die uns dieses Gefühl von „Abnormal“ geben. Und wir behinderten Menschen, die diese Denke übernehmen. Denn auch mir fällt es immer schwerer, Situationen, in denen ich Probleme mit meinem Gleichgewicht oder gar Schmerzen habe, richtig einzuschätzen. Und ich empfinde es inzwischen als Beleidigung, dass uns insbesondere von nicht-behinderten Menschen immer wieder geraten wird, wir sollen doch einen gesunden Umgang mit unserer Behinderung haben und wenn wir den nicht haben, dann lernen wir den eben. Das ist die Sorte von Appell, den man sich getrost sonst wie hinstecken kann. Denn ernsthaft: Das Problem ist nicht, dass ich keinen gesunden Umgang mit meiner Behinderung habe. Das Problem ist, dass du keinen gesunden Umgang mit mir hast.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s