Ein Tod kommt selten allein

Anna steht einfach nur da. Inzwischen hatte Sie gelernt, was in so einer Situation zu tun war. Theoretisch. Praktisch musste sie jedes Mal kurz innehalten, bevor Sie mit den Arbeiten begann. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihren Atem. Die Luft durchströmte ihre Lungen und Sie atmete so lange aus, bis sie das Gefühl hatte, dass nichts mehr von der Luft übrig geblieben war. „Na schon wieder ’n Bett frei?“ Ein groß gewachsener Mann betritt das Zimmer in dem Frau Hendrichs, Tote Nummer sechs, die letzten Monate ihres Lebens verbrachte. Auf dem grauen Linoleumboden waren scheine Schritte so leise, dass Anne ihn nicht hatte kommen hören. Sie zuckte zusammen und öffnete die Augen. „Leider ja“. Sie machte einen Schritt zur Seite und drehte sich mit einem entschuldigenden Lächeln zu ihrem Kollegen. Als wäre der Tod der Patienten ihre Schuld. Für Anne fühlte es sich manchmal ein bisschen so an, wenn ihr der Geruch des Todes in die Nase stieg. „Nach einer gewissen Zeit musst du diesen Schwarzen Humor einfach drauf haben. Sonst machst du das hier nicht lange.“, sagte Roland in ihre Richtung und blickte sie ein wenig bemitleidend an. Er hatte wohl gemerkt, dass es für Außenstehende oder Anfänger etwas bizarr wirkte, anlässlich des Todes einen Witz zu reißen. „Andernfalls haben die Kollegen aus Haus drei bestimmt noch ’n Zimmer frei.“, sagte Rolf weiter. Anna nickte zustimmend. In Haus drei ist die Psychiatrie.

Frau Hendrichs lächelt zufrieden, ihre Hand liegt locker auf dem kleinen gelben Kissen und die ersten Sonnenstrahlen des Tages scheinen ihr ins Gesicht. Sie war 61 Jahre alt geworden und sechste Tote innerhalb der acht Monate, in denen Anna ihr Freiwilliges Soziales Jahr absolvierte. Anna stellt den Überwachungsmonitor in Zimmer fünf ab und zieht langsam die Infusionsnadeln aus Handrücken und Armbeuge der Patientin. Todeszeitpunkt 06:20 Uhr, wird der Arzt später in die Akte schreiben.

Die Intensivstation des Krankenhauses verfügt über acht Betten. Hinzu kommen zehn Betten der Stroke Unit, eine Akutstation für Schlaganfallpatienten. Neben der Uniklinik sind wir die nächste Anlaufstelle für Härtefälle, erzählt Anna ihren Freundinnen, die oft neugierig nach ihrem Arbeitsalltag fragen. Rolf verteilt eine klare, chemisch riechende Flüssigkeit zwischen seinen Fingern. Er trat ans Krankenbett und entfernte die kleinen gelben Kissen, die bis vor ein paar Minuten verhindert hatten, dass sich Druckstellen auf der Haut von Frau Hendrichs bildeten. Sie war eine pflegeleichte Patientin gewesen. Pflegeleicht deshalb, weil sie nur standardmäßig gelagert werden musste. Sie wurde also von der rechten Seite auf den Rücken gedreht, oder hat manchmal ein Kissen zwischen die Knie gelegt bekommen. Im Regelfall wird alle zwei Stunden umgelagert. Genauso wie die Medikamentendosis muss das Lagern immer individuell an die gesundheitliche Situation des Patienten angepasst werden. Dabei spielen vor allem die Körpergröße und vor allem das Gewicht eine Rolle. Außerdem muss die Haut des Patienten regelmäßig auf Wundstellen kontrolliert werden, die entstehen können, wenn der Körper zu lange in derselben Position liegt.

Klack. Klack. Klack. Klack. Rolf und Anna lösen die Fußbremsen des Bettes. Frau Hendrichs lächelt immer noch, als sie sie in den Andachtsraum schieben. Das Bett ist schon bezogen. In Gelb. Auch die Wände erstrahlen in einem warm Gelbton. Gegenüber vom Bett, am Fußende, stehen zwei Stühle und ein Tisch aus Holz. Sie sind so arrangiert, dass man auf das Bett sehen kann, während man dort sitzt. An der Wand über dem Bett hängen ein angestaubtes Holzkreuz und ein verdorrter Lorbeerkranz, bei dem einige Zweige fehlen. Rolf stellt sich an das Kopfteil des Bettes, greift unter den Körper der Frau und schiebt beide Unterarme zwischen ihre Schulterblätter. Anna hat ihre Unterarme in Höhe der Kniebeuge und oberhalb des Gesäßes der Toten liegen. Drei, zwei, eins… zählt Rolf. Mit einem Ruck wird Frau Hendrichs aus ihrem Patientenbett ins Totenbett gehoben. Behutsam legt Anna die Bettdecke bis zu den Schultern über sie. Rolf und Anna verlassen das Zimmer, ohne etwas zu sagen, und schließen leise die Tür hinter sich. So, als wollten sie Frau Hendrichs nicht wecken. Dass nun leere, vom Körper noch warme Patientenbett schieben sie in den Lagerraum. Bevor der nächste Patient kommt, muss es erst einmal gründlich gereinigt und desinfiziert werden.

Eine Stunde später führt Anna die Angehörigen in den Andachtsraum. Frau Hendrichs liegt unter der gelben Bettdecke. Sonnstrahlen fallen auf ihr Gesicht und sie lächelt zufrieden.

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