Wie eine Spastik Fahrradfahren lernte

Wenn ich jemandem erzählte, dass ich kein Fahrradfahren konnte, kam meist ein und derselbe Satz: Hmm (Bemitleidender Blick) gut, aber es gibt Viele, die kein Fahrrad fahren können.

Klar, gibt es viele Menschen auf der Welt, die kein Fahrrad fahren können. Aber es ist nicht so, dass ich das „einfach nicht gelernt“ habe, weil mir das niemand beigebracht hat.

Die Beweglichkeit meines Beckens ist eingeschränkt. Ich muss meinem Körper erklären, was er zu tun hat. Immer und immer wieder. Anders als bei gesunden Menschen, dauert es bei mir extrem lange, bis ich eine Bewegung automatisch (also ohne das ich drüber nachdenken muss) ausführen kann.

Als ich in der jetzigen Lernphase das zweite Mal aufs Rad steig, fuhr ich ständig nach links. Der Mann erklärte mir, dass das normal sei. Ich sollte versuchen, das Fahrrad mit dem Hintern wieder in eine grade Position zu bringen. Blöderweise liegt aber genau dort meine Einschränkung.

Moment… im Hintern?

Nein. Im Becken. Meine rechte Seite ist, auch wenn man es mir im Alltag kaum ansieht, gelähmt. Gelähmt bedeutet, dass die Beweglichkeit mindestens nicht so gut funktioniert, wie bei der gesunden Körperhälfte.

Das bedeutet für mich, dass ich nicht nur mein Bein und mein Arm nicht in flüssigen Bewegungen koordinieren kann, sondern auch mein Becken davon betroffen ist.

Um es zu verdeutlichen: Ich kann nicht mit dem Hintern wackeln. Um das zu können, führt man nämlich eine flüssige Bewegung des Beckens aus. Bei mir hakt dieser Bewegungsablauf auf der rechten Seite.

Habt ihr schon mal das Bein nach vorn bewegen wollen und euer Körper hat das einfach nicht gemacht? Genau. Ist ein richtig beschissenes Gefühl.

Ich glaube so ähnlich fühlt es sich an, wenn man eine Sehne verletzt oder etwas gebrochen hat oder ähnliches.

Bei mir ist das sehr oft so. Ich bewege mich, ich weiß rein logisch, wie ich diese Bewegung ausführen muss, damit sie funktioniert. Ich „sage“ das meinem Körper und es passiert … nichts.

Selbiges passiert eben beim Fahrradfahren. Ich weiß, dass ich das Fahrrad nicht wieder in eine grade Position bekomme, in dem ich mich dem Rücken nach links und rechts lehne. Ich weiß, dass es enorm hilft, wenn möglich den Lenker grade zu halten. Ich weiß auch, dass ich mein Becken leicht nach links oder rechts kippen muss, um das Ungleichgewicht auszugleichen.

Ich weiß das. Meine Spastik weiß das nicht. Sie ist ein ständiger verwirrter Begleiter, der meinem linken Bein hinter her humpelt.

An diesem Tag, als ich auf dem Fahrrad ständig nach links fuhr, habe ich mich seit langer Zeit wieder mit meiner Behinderung gestritten. Tatsächlich habe ich gebrüllt.

Meine Spastik ist ein bisschen so, wie ich mir das Leben mit einem Kleinkind vorstelle. (Nur das meine Spastik mir nichts zurück gibt. Ein Kind schon)

Ich so: Schau mal, du musst das so und so machen. Keine Angst, du kannst das!“

Spastik so: Ja ok, ich versuch’s mal.

Spastik so: Hä?

Ich so: Schau, ich zeigs dir noch mal.. So.

Spastik so: Hmm, ja ok versuchen wir es noch mal!

Spastik so: Hä?

Ich so: OK, versuchen wir es mal anders. Guck, so kannst du es auch machen, vielleicht funktioniert das besser. Nicht nachdenken. Einfach machen. Du schaffst das! Denk nur daran, wie viele Langstreckenläufe du absolviert hast!

Spastik so: Ja stimmt,ich kann das!

Spastik so: Warte, warte, warte! Nein, ich kann das nicht!!

Ich so: DOCH MAN, JETZT MACH DOCH!

Spastik so: Brüll mich nicht an, ich bin behindert!

ENDE.

Wenn ich Dinge neu lerne, ist meine Spastik plötzlich wieder fünf und nicht fünfundzwanzig.

Es scheißt nicht mehr in Windeln, ist aber dafür doppelt so laut.

Tatsächlich war meine Spastik als ich ein Kind war deutlich stärker ausgeprägt, als sie es jetzt ist, mit 25.

Aber meine Spastik wächst mit ihren Aufgaben. Und wie das im Leben manchmal so ist, muss man jemand ab und zu mit ein wenig Schwung in die richtige Richtung werfen, damit Zweifel und Angst verschwinden.

Und beim Fahrradfahren, sag ich dann eben meiner Spastik: Ich bin hier um zu lenken. Nicht um zu denken.

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