Warum wir offener über unsere Selbstzweifel sprechen sollten

Ich kenne kaum einen Menschen, den keine Selbstzweifel hegen. Leider kenne ich aber auch nur sehr wenige, die diese Zweifel offen kommunizeren. Ich finde das schade und denke mir immer wieder aufs neue, dass Instagram, Facebook und Co. mit ihrer augenscheinlich perfekten Selbstinszinierung einen großen Teil dazu beitragen, dass Selbstzweifel sich langsam aber sicher zu einem Tabuthema entwickeln. Auch wenn sich gerade eine (längst überfällige) Gegenbewegung entwickelt.

Dabei hat sie jeder dann und wann. Gerade junge Mensch, zu denen auch ich zähle, stellen alles in Frage. Uns selbst, unseren bisherigen Lebensweg. Oft haben wir das Gefühl ganz plötzlich gar nichts mehr zu wissen. Vielleicht wenig bis nichts erreicht zu haben, weil wir laut unseren Träumen schon viel mehr hätten erreicht haben sollen. Bei mir zeigt sich das oft in totalen Kleinigkeiten. Damals, als Teenager dachte ich, mit fast 24 habe ich endlich keine Pickel mehr und aufgehört an den Fingernägeln zu kauen. Das sind Dinge, die vollkommen belanglos erscheinen, für mich aber in meiner Teeniezeit und auch jetzt, im heranwachsenden Alter, ab und zu stark auf mein Wohlbefinden schlagen. Ich weiß noch, dass ich vor einigen Jahren total perplext darüber war, dass eine Freundin von mir ebenfalls an ihren Beinen Abdrücke von ihrer Jeans hatte. Mich hat das immer genervt und ich dachte lange, diese Abdrücke hätte nur ich an meinem komischen Körper. Und als ich auszog, wurde mir schnell alles zu viel. Ganz auf sich gestellt zu sein, alles für sich selbst neu bewerten zu müssen, damit kam ich nicht zurecht. Mittlerweile wohne ich aus anderen Gründen wieder bei meiner Mutter. Aber das Gefühl dass ich absolut keine Ahnung habe wer ich bin und was ich will, ist geblieben.

 

Du bist nicht allein

Ich zweifel nicht nur an mir selbst und an meinem äußeren, sondern an meinem ganz bisherigen Leben. Ich zeige mir immer wieder die Fehler der Vergangheit auf, bei denen ich mir in anderen Phasen meines Lebens sagte „Jeder Mensch macht Fehler und ich bereue nichts!“. Ich habe ständig die „Was wäre wenn-Frage“ im Kopf. Was gewesen wäre, wenn ich in bestimmten Situationen anders reagiert hätte, als ich es damals getan habe oder was geschehen wäre, hätte ich doch nur mehr Selbstsicherheit ausgestrahlt. Wenn ich dann mit Freunden darüber spreche höre ich häufig den Satz „Ah jaja, das hab ich aber auch!“ und ich denk so „Ach, echt?“. Menschen, bei denen ich diese Art von Selbstzweifeln nie ertwartet hätte, erzählen mir von ihren Unsicherheiten und Sorgen und ich merke, dass ich mit meinen Gedanken nicht allein bin. Dieses Gefühl tut gut. Denn zu wissen, dass du nicht der Einzige auf dieser gottverdammten Welt bist, der sich zwischendurch zum kotzen findet und am liebsten sein ganzes Leben umkrempeln möchte, während er eigentlich ziellos umher irrt, relativiert die eigenen Zweifel.

Noch bis vor einiger Zeit habe ich mich kaum getraut, meine zum Teil starken Selbstzweifel nach außen zu tragen. Ich bin stark, ich bin tough und nichts bringt mich aus der Ruhe, kann mich geschweige denn erschüttern. Ich zeigte nach außen ein Bild, in dem ich mich in mir selbst wohl fühlte und Zufriedenheit ausstrahlte. Dass das schlichtweg nicht der Wahrheit entsprach, versuchte ich so gut es geht zu verstecken. Denn das Bild, was andere von uns haben, wollen wir doch mit allen Mitteln aufrecht erhalten. Dabei raubt uns das Aufrechterhalten unserer Scheinwelt mehr Energie als das echte Leben. Aber zu wissen, dass jeder eine kleine (oder große) Scheinwelt mit sich herumträgt, macht alles nur noch halb so schlimm. Und ich denke, bis zu einem gewissen Grad brauchen wir diese Welt, um uns von der manchmal rauen Realität zu schützen. Um irgendwo hin zu flüchten und uns schöne Gedanken zu machen, damit wir in der Wirklichkeit weiterhin so funktionieren wie bisher. Solange diese Scheinwelt keine zu großen Ausmaße annimmt, ist sie für mich ein praktischer Helfer des Alltags und hilft mir an manchen Tagen sogar, meine Selbstzweifel für einige Stunden zu vergessen oder mich daran zu erinnern, dass ich diese Zweifel nicht zu haben brauche.

 

nicht „weg damit“, sondern drüber reden

Lange habe ich geglaubt, dass meine Selbstzweifel irgendwann verschwinden. Und auch jetzt bin ich davon überzeugt, dass ich heute  Zweifel habe, die in einem, drei oder vielleicht fünf Jahren verschwunden sein werden. Dafür kommen vielleicht andere hinzu, die ich heute noch nicht besitze. Oft möchten wir diese Gedanken von uns schieben und fragen uns nicht nur warum wir sie überhaupt besitzen, sondern vor allem wie wir diese lästigen Biester wieder loswerden. Aber Selbstzweifel bringt nicht der Storch, sie fallen nicht einfach so vom Himmel. An uns selbst zu zweifeln ist ein wichtiger Mechanismus unserer Denke, um uns selbst und unsere Umwelt immer wieder zu hinterfragen und uns neu zu justieren. Unsere Lebenslage verändert sich zwangsläufig, auf die wir uns immer wieder neu einstellen müssen. Wir waren damals ein anderer Mensch als heute und werden morgen ein anderer sein. Manchmal bringen uns die Zweifel an uns selbst oder unserem Lebensstil erst auf den richtigen Weg. Manchmal bringt erst das Gespräch darüber den lang ersehnten Blitzmoment oder die Einsicht, dass wir uns endlich etwas trauen, was wir nie für möglich gehalten haben. Ein Gesprächspartner, der unseren Selbstzweifeln widerspricht, kann uns dazu bringen, einen Mantrasatz für unsere Selbstgespräche zu formulieren. Bis wir vielleicht soweit sind, unseren Selbstzweifeln zu widersprechen. Aber wir sollten nicht gegen sie in die Schlacht ziehen und ihnen somit die Möglichkeit geben, Herr über uns zu sein.

4 Kommentare zu „Warum wir offener über unsere Selbstzweifel sprechen sollten

  1. Ich mag Abdrücke von zu strammen Socken auch gar nicht…

    Selbstzweifel machen dich menschlich. Ohne Selbstzweifel bist du wie D. Trump. Ein erfolgreiches und selbstherrliches Arsch… Willst du das ?

    Reflektierte Selbstzweifel sind auch ein hoher Energiequell für Veränderung oder die Akzeptanz von Ist-So-Sachen…

  2. Ein sehr schöner Text, der bestimmt ganz vielen Menschen aus der Seele spricht. Das Thema Abdrücke von Jeans an den Beinen finde ich so witzig, weil man sich darin ein wenig selbst erkennt. Die Abdrücke habe ich ab und zu auch 🙂

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