Selbstverletzendes Verhalten und Kontrollverlust

„Kontrollverlust“ dieses Wort lese ich häufiger, im Zusammenhang mit Selbstverletzenden Verhalten. Warum ich dieses Assoziation für problematisch halte, möchte ich heute genauer erklären.

 

In einem früheren Text hatte ich über selbverletzendes Verhalten, kurz SVV, berichtet.

Selbstverletzendes Verhalten beschreibt eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, bei denen sich die Betroffenen absichtlich Verletzungen bzw. Wunden zufügen. Manchmal ist dies tatsächlich eine „Phase“, die rasch wieder vorbei geht. Mich und zig andere begleitet diese „Phase“ aber seit Jahren oder gar Jahrzehnten. Ich lebe nun knapp ein Jahrzehnt mit dieser Krankheit. Sie ist wie ein Schatten, der uns mal mehr, mal weniger verfolgt.

Bei SVV geht es uns, in den meisten Fällen, tatsächlich um Kontrolle. Aber nicht um den Verlust dessen. Die Wunden nach außen „zutragen“ ist viel mehr ein Zeichen dafür, dass wir das Gefühl haben keine Kontrolle über unser Innenleben zu haben. Wir fühlen etwas, können dieses Gefühl aber nicht definieren, geschweige denn es gegenüber anderen äußern, selbst wenn wir es definieren könnten. In uns baut sich ein starker emotionaler Druck auf, den wir (so denken wir) mit einer Rasierklinge im Arm oder ähnlichem wieder loswerden. Ob wir uns an einem Tag nun selbst verletzen oder nicht, kann sich auf unterschiedliche Weise aufbauen. Meiner Erfahrung nach ist der Drang aber sehr selten eine spontane Eingebung. Denn genau wie der innere Druck, baut sich der Drang diesen loszuwerden nach und nach auf. Manchmal passiert das schneller, manchmal langsamer. Es geht also darum, die Kontrolle über unsere Gefühle wiederzuerlangen und nicht zu verlieren.

Der Begriff Kontrollverlust wird häufig bei Abhänigkeitserkrankungen verwendet. Der Zusammenhang ist, dass Abhängige nicht nur die Kontrolle über ihren Körper und ihr Handeln verlieren, sondern auch über die Menge, der konsumierten Droge(n). Bei Alkoholikern kommt es beispielsweise häufiger vor, dass sie ab einem gewissen Pegel, gerade zu zwanghaft weiter trinken.
Wir haben Kontrolle über die Situation, wenn wir das Gefühl haben, „Herr der Lage zu sein“.

Kontrolle zu haben, bedeutet, dass es einen erkenn- und vorhersagbaren Zusammenhang zwischen dem eigenen Handeln und den darauf folgenden Konsequenzen gibt, wobei Kontrolle letztlich die Differenz zwischen zwei Wahrscheinlichkeiten ist (Stangl, 2018).

Einerseits hoffen wir auf die Wahrscheilichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis (oder Gefühl) eintritt, ohne dass wir selbst etwas dafür tun müssen. Andererseits dass ein bestimmtes Ereignis (oder Gefühl) durch eigenes Handeln herbeigeführt werden kann.

Und genau dieses herbeiführen eines Gefühls, bzw. DER Gefühle überhaupt beschreibt in vielen Fällen das selbstverletzende Verhalten. Mit jedem Mal, fällt der Druck der aufgestauten Gefühle ab. Manchmal fühlt sich das an wie auf Drogenrausch. Ich beschreibe das gern so, dass ich das Gefühl habe, meine Seele löse sich von meinem Körper. Es tritt also durch unser eigenes Handeln ein bestimmtes Gefühl ein. Die Kontrolle verlieren wir nicht, während des Akts der Selbstverletzung, sondern vorher und über unsere Gefühlswelt. Auch während des Schneidens verlieren wir nicht im klassischen Sinne die Kontrolle. Denn ich kenne keinen SVV-ler, der sich im Vorraus überlegt, wie viele Schnitte er/sie sich zufügt. Wir schneiden so lange, bis wir uns besser fühlen. Dieses Gefühl tritt Mal schneller, mal langsamer ein und hängt dabei natürlich immer von unserer aktuellen Gefühlslage ab.

Bei der Assoziiation Kontrollverlust und Selbstverletzendes Verhalten ist also Vorsicht geboten. Denn mit dem Wort „Kontrollverlust“, versuchen wir unser Charm- oder gar Hassgefühl uns selbst gegenüber zu beschreiben. Denn kein SVV-ler schneidet sich gerne und so sehr manche von uns die Krankheit als Teil ihres Lebens akzeptiert haben, überkommt uns dann und wann, oder jedes Mal, wenn wir es wieder tun, ein Gefühl der Reue. Unser eigenes Verhalten ist uns selbst oft vollkommen zuwider. Wir wollen das nicht tun. Nur war dieses Verhalten über Monate/Jahre hinweg unsere Art mit bestimmten Dingen umzugehen. Damit entwickelte sich das Schneiden  schnell zu einem Ventil, in Situationen mit denen wir meinten nicht zurecht zu kommen. Gerade „alte Hasen“ unter uns wissen, dass es Skills gibt, die helfen. Also Dinge, die wir tun, anstatt uns zu schneiden. Wir wissen aber auch, dass diese manchmal nicht helfen.

Verwendete Literatur
Stangl, W. (2018). Stichwort: ‚Kontrollverlust‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: http://lexikon.stangl.eu/20333/kontrollverlust/ (2018-01-18)

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