Reduzier‘ mich nicht!

Letztens veröffentlichte Krautreporter einen Text über mich. Es geht um den Umgang mit meiner Behinderung. Darunter kommentierte jemand: „Dass man Sie nicht ständig darauf reduziert, sollte eigentlich selbstverständlich sein“.

Aber genau das ist es, was noch viel zu viele Menschen tun, wenn sie auf jemanden mit Behinderung treffen. Entweder bist du nämlich bemitleidenswert, weil du schon so viel durchgemacht hast oder „Boha, du bist ja krass“, weil du so locker und offen damit umgehst, was du schon durchgemacht hast. Liebe Leute, ich will weder Mitleid noch bin ich krass. Ich werde in den Himmel gelobt, für Dinge die meine Mitmenschen Tag für Tag mit einer Selbstverständlichkeit tun, die ich auch gern hätte. Ist nur so, dass ich die eigentlich habe. Nur eben manch andere nicht. Ich bin also Gehbehindert und gehe joggen. Meinen Oberkörper zieren also 4 Narben und ich latsche trotzdem im Sommer im Bikini rum. Meine zwei verschieden große Arschbacken stören mich da ehrlich gesagt mehr, als diese paar Dinger auf meiner Bauchdecke.

Jetzt denken sich viele „Hä? Was hat ihr Hintern denn mit der Behinderung zu tun?“ Ganz einfach: Aufgrund der Spastik habe ich rechts sichtbar weniger Muskelmasse als links, weil ich meine linke Körperhälfte deutlich mehr belaste, als die rechte. Das macht sich zum Beispiel an meinem Handgelenkknochen bemerkbar, welcher rechts mehr hervorsteht als links. Und eben an meinem Hintern. Wenn ich eine Jeans trage, sieht man das nicht. Aber jeder, der mich schon Mal nackt gesehen hat, kann das bestätigen. (Aus datenschutzrechtlichen Gründen, lasse ich die Liste dieser Leute jetzt mal hier raus. Höhö). „Haha, du hast ja echt zwei verschieden große Arschbacken!“, meinte eine Freundin, als sie mich im Bikini sah. „Darf ich mal anfassen?“, fragte sie. Ja, liebe Leute, wenn es die Vertrautheit zulässt, packen Sie mir an den Arsch, um zu erleben wie es sich anfühlt. Gefühlsecht sozusagen. Mein Arsch wird also zur Attraktion und ich Blöd verlange nicht mal Geld dafür. Und dann kommt der Satz, der kommen musste: „Find‘ ich cool, dass du trotzdem einen Bikini trägst. Die Figur dazu hast du auf jeden Fall!“. T r o t z d e m. Ich weiß, dass es nett gemeint ist, aber trotzdem kotz‘ ich da im Strahl. Als Körperbehinderte komme ich nach solchen Aussagen immer in einen gewissen Zugzwang.  Soll ich dich jetzt auch dafür loben, dass du im Bikini rumläufst? Ich fühle mich im Bikini nicht sonderbar. Solange mich meine Mitmenschen nicht zu etwas sonderbarem machen.

Meine Behinderung stand, steht und wird niemals im Mittelpunkt meines Lebens stehen, denn die Behinderung bin nicht ich. Und ich bin nicht die Behinderung. Meine körperliche Einschränkung macht mich nicht aus. Sie gehört zum Repertoire meiner Eigenschaften, wie die Eigenschaft, andere zum Lachen zu bringen. Mir wurde schon häufig gesagt, dass man sich so manches Mal fragen würde „Wie macht die das?“ Ich mache nicht. Ich lebe. Also bitte reduzier mich nicht.

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