Über das Denken

Mein Kopf fühlt sich vollkommen leer an und gleichzeitig unfassbar voll. Ich habe so viele Gedanken, dass ich gar nicht weiß was ich denken soll. Der Prozess des Denkens liegt ja in der menschlichen Natur. Alles ist gut, solange wir denken. Über bestimmte Sachverhalte nachzudenken hat uns evolutionstechnisch weitergebracht und Erfindungen oder Erkenntnisse hervorgebracht, die unsere Art zu Leben für immer verändert hat. Nur frage ich mich all zu oft, wann der Bogen des Denkens überspannt ist. Ab wann wir eine Sache ZERdenken. Vielleicht sogar so sehr, dass wir uns im Kreis drehen anstatt uns in unserer eigenen, ganz persönlichen, Evolution voranzubringen. Und wenn dieser Punkt erreicht ist, wenn der Bogen überspannt ist, merken wir das dann überhaupt selbst?

Mir hat mal jemand gesagt „Jeder Gedanken ist es Wert gedacht zu werden“. Stimmt, irgendwie. Gedanken fallen ja nicht einfach so vom Himmel und entgegen der Annahme aus dem uralten Volks- und Kinderlied „Die Gedanken sind frei“, sind sie das nicht. Denn erstens geht jedem Gedanke ein Gefühl voraus und zweitens sind Gedanken Rudeltiere. Kein Gedanke schwebt frei im Kosmos Hirn ohne nicht mindestens eine Synapse als Andockstation zu nutzen. Jeder Gedanken ist verbunden mit irgendetwas. Einer Erinnerung, einer Emotion. Meistens mit beidem. Und auch wenn jeder Gedanke es Wert ist, von uns gedacht zu werden, so zweifeln und verzweifeln wir doch all zu oft an ihnen. Denn einem einzigen Gedanke folgt meist ein ganzes Rudel an Gedanken. Wir denken und denken und denken und denken irgendwann so viel, dass wir gar nicht mehr wissen, was wir am Anfang gedacht haben. Dann denken wir noch angestrengter nach, weil wir ja wissen möchten, was wir am Anfang unserer Gedankenschleife dachten.  Ein Gedanke kommt selten allein. Und am Ende sind wir einfach nur müde. Dann ärgern wir uns vielleicht über uns selbst, weil wir unsere Energie für sinnfreies Denken verschwendet haben, anstatt über etwas sinnvolles nachzudenken.

Bevor ich diesen Text began dachte ich über das Denken nach. Ob das jetzt sinnvoll oder sinnfrei ist, muss jeder für sich entscheiden. Ich wollte das Denken mit etwas vergleichen, im Sinne von „Gedanken sind wie….“, mir fiel aber nichts passendes ein. Nun wollte mein Hirn offensichtlich denken, also dachte ich (mit der Zahnbürste im Mund) über das tun nach. Wir tun ja immer irgendwas. Wenn die Kollegin montags morgens im Büro fragt was wir am Wochenende gemacht haben, könnten wir entweder nicht antworten oder „nichts“ antworten. Ersteres wäre äußerst unhöflich. Letzteres schlichtweg eine Lüge. Unsere Definition von nichts, in der modernen digitalen Welt, ist: Ich habe nichts getan, was es Wert wäre anderen gegenüber erwähnt zu werden. Selbst wenn wir also nichts tun, tun wir etwas. Und wenn es atmen ist. Nur ist das Atmen ein Automatismius unseres Körpers. Wir denken nicht: einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Es sei denn wir meditieren, machen Yoga oder sonst etwas, was uns zu innerer Ruhe verhilft. Aber an einem ganz normalen Tag atmen wir einfach. Ohne darüber nachzudenken. Nun ist es aber so, dass uns Automatismen in manchen Bereich zuwider sind. Passiert etwas automatisch, ohne dass wir aktiv eine Handlung vollziehen müssen, über die wir vorher nachgedacht haben, denken wir, wir täten nichts. Und bevor unser Hirn „nichts“ denkt, denkt es lieber irgendwas.

Die Erkenntnis des nichts

Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Gedanken den Wert des drübernachdenkens hat, gibt es kein sinnfreies Denken. Als „sinnfrei“ oder sinnlos empfinden wir immer dann etwas, wenn sich unsere Situation mit Hilfe dieser Tat nicht verändert hat. Wie oft hören wir in unserem Leben den Satz „Es macht überhaupt keinen Sinn darüber nachzudenken.“ oder „Ich weiß nicht, warum du dir überhaupt Gedanken darüber machst!“ Dabei führt uns erst das Gedachte zu einer Erkenntnis. Wir können keine Erkenntnis über etwas erlangen, bevor wir nicht über die Sache nachgedacht haben. Während des Denkens denken wir nicht einfach nur, wir haben immer auch ein Ziel vor Augen. Und zwar dass uns das, was wir gerade denken, voranbringt. Der Mensch ist demnach ein zielorientierter Denker. Bleibt dieses Ziel aus oder laufen wir darüber hinweg, ziehen wir nicht über Los und sacken keine 200 Euro ein, sondern heben uns den Gedanken im besten Fall für später auf. Wir denken und denken und kommen am Ende zu einer Erkenntnis. Oder eben auch nicht. Und genau das ist es, was uns so stört. Die Erkenntnis, dass am Ende unseres Denkens genau diese ausbleibt. Aber auch die Erkenntnis, keine zu haben, ist eine. Meistens denken wir dann nämlich trotzdem weiter. Holen uns die Gedanken anderer mit ins Boot, kommen vielleicht irgendwann zu dem Schluss, dass wir das Ganze ruhen lassen sollten oder merken erst durch unsere Nicht-Erkenntnis, dass wir uns im Kreis drehen. Und biegen ab.

Die Erkenntnis, dass uns unsere Gedanken in diesem Moment nirgendwo hinführen, uns keinem Ziel näher bringen, macht uns Angst. Aber auch das ist für etwas gut. Es braucht das nichts, damit etwas sein kann.

Wenn Reize schmerzhaft werden – Hochsensensibilität bei Kindern

Vor einigen Tagen veröffentlichte die Bloggerin killepupmitlala einen Beitrag, in dem Sie das Verhalten ihrer Tochter beschreibt. Sie mache sich irrational große Sorgen für eine Fünfjährige, weine ständig. Die Erzieherin im Kindergarten sprach die Mutter auf Mila’s Verhalten an und empfahl sogar einen Gang zum Heilpraktiker, denn ihre Tochter sei emotional sehr schnell überfordert. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, deine Kleine ist hochsensibel“, schrieb ich unter Anna-Lena’s Artikel. Denn in dem beschrieben Verhalten ihrer Tochter erkannte ich mich fast zu hundert Prozent wieder.

Welche Tipps ich Anna-Lena im Umgang mit ihrer Tochter gab und was mir im Kindersalter half und immer noch hilft, mit meiner Hochsensibilität umzugehen, möchte ich nun gerne auch auf meinem eigenen Blog teilen.

Was ist Hochsensibilität?

Hochsensibilität ist keine Krankheit und im Gegensatz dazu auch keine Begabung im klassischen Sinne. Sondern ein Wesenszug, bei dem „zwei Seiten der Medallie“ bestehen, da sich Hochsensibilität sowohl positiv als auch negativ auswirken kann.

Wir alle Verarbeiten Tag für Tag Millionen von Sinneseindrücke (auch: Sinnesreize). Damit sind nicht nur die Fünf klassischen Sinne, Sehen, Schmecken, Riechen, Tasten und Hören gemeint, sondern auch unsere Wahrnehmung auf  emotionaler Ebene. Also die Mimik, Mikromimik und generelle Körpersprache eines Menschen.

Generell können wir unterscheiden zwischen äußeren und inneren Reizen.

äußere Reize sind beispielsweise:

  • Lärm
  • (grelles) Licht
  • (verschiedene) Gerüche
  • Menschenmassen (Großraumbüro, überfüllte Innenstädte…)
  • Generell Kontakt mit anderen Menschen

innere Reize sind beispielsweise:

  • Gedanken (negative und positive!)
  • Gefühle (negative und positive!)
  • Schmerz
  • allgemeine Stimmungen (von anderen in meiner Umgebung oder mir selbst)

Damit unser Gehirn nicht vor lauter Informationen abstürzt, besitzen wir einen Filter, der unwichtige Informationen aussiebt, bevor sie überhaupt zu der Station „Verarbeiten“ kommen. Bei Hochsensiblen ist dieser Filter extrem durchlässig. Jegliche Art von Sinneseindrücken nehmen wir intensiver wahr und vor allem mehr davon. Dinge, die keinem anderen, außer uns, auffallen und die für die gegebene Situationen vielleicht absolut irrelevant scheinen. Dass wir Reize intensiver wahrnehmen bedeutet auch, dass sie tiefer in unser Bewusstsein eindringen und wir mehr Zeit brauchen, um diese zu verarbeiten.

Manche Psychologen oder Neurologen unterscheiden auch zwischen drei unterschiedlichen Grundtypen der Hochsensibilität:

  1. Sensorisch hochsensible Menschen = eine besonders feine Sinneswahrnehmung.
  2. Emotional hochsensible Menschen = eine besonders starke Wahrnehmung auf zwischenmenschlicher Ebene. (auffällig ausgeprägte Empathie)
  3. Kognitiv hochsensible Menschen = denken stets multiperspektivisch und in enorm großen Zusammenhängen.

Bei vielen Hochsensiblen ist es allerdings ein Mix aus genau diesen drei Grundtypen, die ihre Hochsensibilität ausmacht.

Entgegen der Vermutung mancher, nehmen wir Reize z.B. nicht lauter wahr, als sie eigentlich sind. Sind wir aber kurz vor einer Reizüberflutung kommt uns das Geräusch lauter vor, als es in Wirklichkeit ist.

Von einer Reizüberflutung sprechen wir, wenn der Körper so viele Reize gleichzeitig aufnimmt, dass sie nicht mehr verarbeitet werde können. Dadurch entsteht bei Betroffenen eine psychische Überforderung. Da Hochsensible mehr Reize aufnehmen, ist ihr Speicher auch schneller voll. Wir sind also schneller psychisch überfordert, als nicht hochsensible.
Eine Reizüberflutung erleben nicht nur Hochsensible, sondern jeder dann und wann. Wir werden hibbelig, schreckhaft und unruhig und würden am liebsten schreien „Mein Kopf platzt gleich, ich muss hier raus!“

Tückisch wird es, wenn die Überflutung zu einem Großteil des Tages besteht und weder Raum noch Zeit da ist, um die Reize des Tages im angemessenen Rahmen zu verarbeiten.

Eine extreme Reizüberflutung zeigt sich bei Kindern häufig durch plötzliches weinen oder schreien oder gar aggressives oder autoaggressives Verhalten (z.B. hauen).

Obwohl ich mittlerweile fast 24 Jahre alt bin, weine auch ich manchmal noch, bei einer Reizüberflutung. Als Kind habe ich meiner Mutter mein Gefühl bei einer Überflutung so beschrieben:

„Ich habe das Gefühl, die lauten Geräusche und alle Menschen die mit mir reden oder nur auf mich zukommen, tun mir weh“. Ich hatte das Gefühl, die Reize tun mir nicht nur „im Kopf“ weh, sondern auch körperlich. Und ich wusste mir damals nicht anders zu helfen, als dass ich anfange zu weinen, damit meine Mutter mich abholt und aus dieser Umgebung rausholt.

 

Die Reizüberflutung

Damit es erst gar nicht zu einer Reizüberflutung kommt, gibt es einige Dinge, die ihr als Elternteil oder auch selbst Betroffene tun könnt:

Vorab einige Dinge, die mir als Kind sehr geholfen haben und immer noch helfen:

  • Ruhe: keine lauten Geräusche, d.h. keine Maschinen (Kaffemaschine o.ä.), kein lautes reden oder gar brüllen.
  • Schlaf: Immer wichtig, bei Hochsensibilität noch wichtiger. Achtet auf ausreichend und erholsamen Schlaf um die Reize des Tages verarbeiten zu können.
  • Reizarmut: Wenn möglich konzentriert euch oder euer Kind nur auf EINE Beschäftigung. Mir hilft Puzzeln sehr gut, weil es fast schon eine meditative Wirkung hat. Während das Kind puzzelt oder was auch immer also keinen Fernsehen oder keine Musik nebenbei laufen lassen. Je weniger Reize, desto besser!
  • Sport: Körperliche Tätigkeit hilft uns, einen klaren Kopf zu bewahren. Mir hilft das Reiten. Ein „ruhiger“ Sport hilft mehr, als einer bei dem es so richtig action gibt.

Dinge, die ich in meiner Kindheit noch nicht kannte/wusste, die aber genauso dazugehören:

  • Regelmäßiger Rückzug: Ein Zimmer, in dem ihr bzw. euer Kind sich wohl fühlt und ganz für sich sein kann, ist enorm wichtig. Einen Ort, an den sich das Kind gerne zurückzieht. Ich habe den Rückzug lange als lästiges Übel empfunden, weil ich keinen Raum hatte, in dem es sich für mich in Ordnung angefühlt hat, einfach nur mit mir allein zu sein. Der Rückzug sollte nicht als Pflicht empfunden werden sondern als etwas, was wir oder das Kind in diesem Moment tun möchte/n.
  • Reizirritationen vermeiden: Ein Beispiel: Ich sitze im Esszimmer und schreibe an einem Text. Plötzlich kommt meine Mutter herein. Einige Sekunde später kommt mein Bruder und wieder einige Sekunden später klingelt es und meine Schwester samt Hund öffnet die Tür. Ich werde aggressiv. Packe meine Sachen, schmeiße sie nur nicht durch die Gegend, weil ich weiß wie teuer mein Laptop war, gehe ins Badezimmer und weine.

Diese Situation ist so passiert und verdeutlicht meiner Meinung nach den Begriff „Reizirritation“. Hochsensible sind häufig sehr vertieft in ihre Beschäftigung. Laute Geräusche, Brüllen oder abpruptes herausreißen aus der Situation irritiert uns stark, weil wir länger brauchen, um zwischen verschiedenen Situationen hin und her zu switchen.

Die Vermeidungsstrategie für eine Reizüberflutung sollte nicht zu eurem Mantra werden. Es ist nicht so, dass ihr jetzt nie wieder die Kaffeemaschine anwerfen dürft, wenn euer Kind im Raum ist oder nur noch im Flüsterton reden solltet. Es ist wichtig einen  Raum zu schaffen, in dem wir sagen können: „Hier gibt es nicht Mal ansatzweise so viele Reize wie draußen (also Kindergarten, Schule, Arbeit etc.) und deshalb fühle ich mich hier sehr wohl!“.

 

Die Gradwanderung zwischen zu viel und zu wenig

Ich gebe zu: Als hochsensibler Mensch seine Reiz-Komfortzone ausfindig zu machen ist ein langer Prozess. Denn wir müssen erst lernen, wann uns die Reize zu viel werden und wann uns zu wenig Reize erreichen. Der Mangel an Reizen, also Reizarmut tut auf Dauer niemandem gut. Glücklicherweise sind die meisten Hochsensiblen sehr vielseitig interessiert, so dass ihr einfach verschiedene Dinge ausprobieren solltet. Je innerlich ausgeglichener ihr oder euer Kind euch vorkommt desto besser.

Die Worte „zu viel“ und „zu wenig“ beziehen sich nicht auf die Menge der Tätigkeiten. Es kann vorkommen, dass ihr euer Kind zum Turnen schickt und es trotzdem reizüberflutet zurückkommt, einfach weil die Reize während der Tätigkeit zu viel waren. Euer Kind wenigen Reizen auszusetzen bedeutet nicht, dass ihr es von der Außenwelt abschirmen sollt. Viel mehr sollte ein gutes „Ich-Gefühl“ entwickelt werden, so dass das Kind sich angemessen von den Gefühlen anderer abgrenzen kann. Mit dem Ich-Gefühl kommt auch das automatische Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse. Denn auch ein Bauchgefühl, wie wir es so schön nennen, muss erst entwickelt werden. Das Austesten der eigenen Grenzen spielt dabei eine zentrale Rolle. Manchmal passiert es auch, dass wir bewusst eine Reizgrenze überschreiten (müssen), einfach weil die Gegebenheiten uns dazu zwingen. Meiner Erfahrung nach ist aber auch das wichtig, damit wir die Angst vor einer Überflutung nicht überbewerten und uns so konditionieren, dass wir in unserer späteren Entwicklung jeglichen Situationen mit enorm vielen Sinneseindrücken aus dem Weg gehen. Mein persönliches Ziel war immer, bei einer Reizüberflutung mir selbst sagen zu können: „Ok hey, du hast gerade einen totalen Reizflash. Aber keine Panik. Das geht vorbei. Gleich bist du an einem Ort, an dem du diesen Flash verarbeiten kannst!“. Das Wichtigste hierbei ist natürlich, dass wir dann tatsächlich an einen ruhigen Ort gehen, der diese Verarbeitung zulässt.

 

Bitte keine falsche Scheu und Schuldgefühle

Gerade als Heranwachsende möchten wir alles mit uns reißen. Ganz viel erleben, austesten, am liebsten überall dabei sein. Je nach Lebensphase setzen wir unsere Prioritäten anders. Als Teenager (und auch jetzt noch… *hust hust*) hatte ich die Phase „Rein ins Leben! Und wenn ich zehn Mal aufs Maul fliege. Wohooo!“. Wenn euer Kind so drauf ist, bitte lasst es gewähren. Bei ständiger Zurückhaltung durch Autoritätspersonen können schlecht eigene Grenzerfahrung gemacht werden, die wie erwähnt so wichtig sind. Um ein Gefühl dafür zu entwickeln, was uns gut tut und was nicht oder was wir in einem bestimmten Moment wollen oder nicht, müssen wir so manche (auch unangenehme) Erfahrung machen. Aber wie bei jedem Menschen ist dieser Erfahrungswert essenziell. Im Kindergarten sind Geburtage ja oft ein Thema. Und bei Kindergeburtstagen gibt es oft eine Meeeenge Trubel. Und wenn euer Kind in kurzer Zeit viele davon mit machen möchte, dann lasst es diese mitmachen. Wenn ihr denkt eurem Sprössling wird gerade alles zu viel, sie oder er findet aber nicht die Worte, um das zu sagen oder traut sich schlicht weg nicht, kann ein kleiner Hinweis helfen, alá „Lass uns am Wochenende Mal eine Pause machen und im Wald spazieren gehen.“ Oder ähnliches. Generell gilt: In Watte gepackt zu sein fühlt sich im ersten Moment zwar kuschelig weich an, erdrückt aber schnell.

Und wenn ihr meint, ihr habt in einer Situation vielleicht falsch reagiert, weil ihr das bitterlich weinende Kind mutterseelen alleine im Kindergarten zurückgelassen habt, versucht euch davon frei zu machen. Aus Beobachtungserfahrung kann ich sagen, ist einfacher gesagt, als getan. I know. Aber der Kindergarten ist nur der Anfang des Lebens. Es wird immer und immer wieder Situationen geben, in denen wir uns enorm unwohl fühlen, völlig egal ob hochsensibel oder nicht. Wenn ihr als Bezugsperson eures Kindes es immer wieder aus diesen Situationen heraus nimmt, gibt es kaum eine Chance, dass es sich ein „dickeres Fell“ anlegen kann.

Quellen:

https://www.urbia.de/magazin/familienleben/erziehung/hochsensible-kinder
https://www.zartbesaitet.net/informationen-fur-hsp/grundlegendes-zum-thema/

 

Warum wir offener über unsere Selbstzweifel sprechen sollten

Ich kenne kaum einen Menschen, den keine Selbstzweifel hegen. Leider kenne ich aber auch nur sehr wenige, die diese Zweifel offen kommunizeren. Ich finde das schade und denke mir immer wieder aufs neue, dass Instagram, Facebook und Co. mit ihrer augenscheinlich perfekten Selbstinszinierung einen großen Teil dazu beitragen, dass Selbstzweifel sich langsam aber sicher zu einem Tabuthema entwickeln. Auch wenn sich gerade eine (längst überfällige) Gegenbewegung entwickelt.

Dabei hat sie jeder dann und wann. Gerade junge Mensch, zu denen auch ich zähle, stellen alles in Frage. Uns selbst, unseren bisherigen Lebensweg. Oft haben wir das Gefühl ganz plötzlich gar nichts mehr zu wissen. Vielleicht wenig bis nichts erreicht zu haben, weil wir laut unseren Träumen schon viel mehr hätten erreicht haben sollen. Bei mir zeigt sich das oft in totalen Kleinigkeiten. Damals, als Teenager dachte ich, mit fast 24 habe ich endlich keine Pickel mehr und aufgehört an den Fingernägeln zu kauen. Das sind Dinge, die vollkommen belanglos erscheinen, für mich aber in meiner Teeniezeit und auch jetzt, im heranwachsenden Alter, ab und zu stark auf mein Wohlbefinden schlagen. Ich weiß noch, dass ich vor einigen Jahren total perplext darüber war, dass eine Freundin von mir ebenfalls an ihren Beinen Abdrücke von ihrer Jeans hatte. Mich hat das immer genervt und ich dachte lange, diese Abdrücke hätte nur ich an meinem komischen Körper. Und als ich auszog, wurde mir schnell alles zu viel. Ganz auf sich gestellt zu sein, alles für sich selbst neu bewerten zu müssen, damit kam ich nicht zurecht. Mittlerweile wohne ich aus anderen Gründen wieder bei meiner Mutter. Aber das Gefühl dass ich absolut keine Ahnung habe wer ich bin und was ich will, ist geblieben.

 

Du bist nicht allein

Ich zweifel nicht nur an mir selbst und an meinem äußeren, sondern an meinem ganz bisherigen Leben. Ich zeige mir immer wieder die Fehler der Vergangheit auf, bei denen ich mir in anderen Phasen meines Lebens sagte „Jeder Mensch macht Fehler und ich bereue nichts!“. Ich habe ständig die „Was wäre wenn-Frage“ im Kopf. Was gewesen wäre, wenn ich in bestimmten Situationen anders reagiert hätte, als ich es damals getan habe oder was geschehen wäre, hätte ich doch nur mehr Selbstsicherheit ausgestrahlt. Wenn ich dann mit Freunden darüber spreche höre ich häufig den Satz „Ah jaja, das hab ich aber auch!“ und ich denk so „Ach, echt?“. Menschen, bei denen ich diese Art von Selbstzweifeln nie ertwartet hätte, erzählen mir von ihren Unsicherheiten und Sorgen und ich merke, dass ich mit meinen Gedanken nicht allein bin. Dieses Gefühl tut gut. Denn zu wissen, dass du nicht der Einzige auf dieser gottverdammten Welt bist, der sich zwischendurch zum kotzen findet und am liebsten sein ganzes Leben umkrempeln möchte, während er eigentlich ziellos umher irrt, relativiert die eigenen Zweifel.

Noch bis vor einiger Zeit habe ich mich kaum getraut, meine zum Teil starken Selbstzweifel nach außen zu tragen. Ich bin stark, ich bin tough und nichts bringt mich aus der Ruhe, kann mich geschweige denn erschüttern. Ich zeigte nach außen ein Bild, in dem ich mich in mir selbst wohl fühlte und Zufriedenheit ausstrahlte. Dass das schlichtweg nicht der Wahrheit entsprach, versuchte ich so gut es geht zu verstecken. Denn das Bild, was andere von uns haben, wollen wir doch mit allen Mitteln aufrecht erhalten. Dabei raubt uns das Aufrechterhalten unserer Scheinwelt mehr Energie als das echte Leben. Aber zu wissen, dass jeder eine kleine (oder große) Scheinwelt mit sich herumträgt, macht alles nur noch halb so schlimm. Und ich denke, bis zu einem gewissen Grad brauchen wir diese Welt, um uns von der manchmal rauen Realität zu schützen. Um irgendwo hin zu flüchten und uns schöne Gedanken zu machen, damit wir in der Wirklichkeit weiterhin so funktionieren wie bisher. Solange diese Scheinwelt keine zu großen Ausmaße annimmt, ist sie für mich ein praktischer Helfer des Alltags und hilft mir an manchen Tagen sogar, meine Selbstzweifel für einige Stunden zu vergessen oder mich daran zu erinnern, dass ich diese Zweifel nicht zu haben brauche.

 

nicht „weg damit“, sondern drüber reden

Lange habe ich geglaubt, dass meine Selbstzweifel irgendwann verschwinden. Und auch jetzt bin ich davon überzeugt, dass ich heute  Zweifel habe, die in einem, drei oder vielleicht fünf Jahren verschwunden sein werden. Dafür kommen vielleicht andere hinzu, die ich heute noch nicht besitze. Oft möchten wir diese Gedanken von uns schieben und fragen uns nicht nur warum wir sie überhaupt besitzen, sondern vor allem wie wir diese lästigen Biester wieder loswerden. Aber Selbstzweifel bringt nicht der Storch, sie fallen nicht einfach so vom Himmel. An uns selbst zu zweifeln ist ein wichtiger Mechanismus unserer Denke, um uns selbst und unsere Umwelt immer wieder zu hinterfragen und uns neu zu justieren. Unsere Lebenslage verändert sich zwangsläufig, auf die wir uns immer wieder neu einstellen müssen. Wir waren damals ein anderer Mensch als heute und werden morgen ein anderer sein. Manchmal bringen uns die Zweifel an uns selbst oder unserem Lebensstil erst auf den richtigen Weg. Manchmal bringt erst das Gespräch darüber den lang ersehnten Blitzmoment oder die Einsicht, dass wir uns endlich etwas trauen, was wir nie für möglich gehalten haben. Ein Gesprächspartner, der unseren Selbstzweifeln widerspricht, kann uns dazu bringen, einen Mantrasatz für unsere Selbstgespräche zu formulieren. Bis wir vielleicht soweit sind, unseren Selbstzweifeln zu widersprechen. Aber wir sollten nicht gegen sie in die Schlacht ziehen und ihnen somit die Möglichkeit geben, Herr über uns zu sein.

Selbstverletzendes Verhalten und Kontrollverlust

„Kontrollverlust“ dieses Wort lese ich häufiger, im Zusammenhang mit Selbstverletzenden Verhalten. Warum ich dieses Assoziation für problematisch halte, möchte ich heute genauer erklären.

 

In einem früheren Text hatte ich über selbverletzendes Verhalten, kurz SVV, berichtet.

Selbstverletzendes Verhalten beschreibt eine ganze Reihe von Verhaltensweisen, bei denen sich die Betroffenen absichtlich Verletzungen bzw. Wunden zufügen. Manchmal ist dies tatsächlich eine „Phase“, die rasch wieder vorbei geht. Mich und zig andere begleitet diese „Phase“ aber seit Jahren oder gar Jahrzehnten. Ich lebe nun knapp ein Jahrzehnt mit dieser Krankheit. Sie ist wie ein Schatten, der uns mal mehr, mal weniger verfolgt.

Bei SVV geht es uns, in den meisten Fällen, tatsächlich um Kontrolle. Aber nicht um den Verlust dessen. Die Wunden nach außen „zutragen“ ist viel mehr ein Zeichen dafür, dass wir das Gefühl haben keine Kontrolle über unser Innenleben zu haben. Wir fühlen etwas, können dieses Gefühl aber nicht definieren, geschweige denn es gegenüber anderen äußern, selbst wenn wir es definieren könnten. In uns baut sich ein starker emotionaler Druck auf, den wir (so denken wir) mit einer Rasierklinge im Arm oder ähnlichem wieder loswerden. Ob wir uns an einem Tag nun selbst verletzen oder nicht, kann sich auf unterschiedliche Weise aufbauen. Meiner Erfahrung nach ist der Drang aber sehr selten eine spontane Eingebung. Denn genau wie der innere Druck, baut sich der Drang diesen loszuwerden nach und nach auf. Manchmal passiert das schneller, manchmal langsamer. Es geht also darum, die Kontrolle über unsere Gefühle wiederzuerlangen und nicht zu verlieren.

Der Begriff Kontrollverlust wird häufig bei Abhänigkeitserkrankungen verwendet. Der Zusammenhang ist, dass Abhängige nicht nur die Kontrolle über ihren Körper und ihr Handeln verlieren, sondern auch über die Menge, der konsumierten Droge(n). Bei Alkoholikern kommt es beispielsweise häufiger vor, dass sie ab einem gewissen Pegel, gerade zu zwanghaft weiter trinken.
Wir haben Kontrolle über die Situation, wenn wir das Gefühl haben, „Herr der Lage zu sein“.

Kontrolle zu haben, bedeutet, dass es einen erkenn- und vorhersagbaren Zusammenhang zwischen dem eigenen Handeln und den darauf folgenden Konsequenzen gibt, wobei Kontrolle letztlich die Differenz zwischen zwei Wahrscheinlichkeiten ist (Stangl, 2018).

Einerseits hoffen wir auf die Wahrscheilichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis (oder Gefühl) eintritt, ohne dass wir selbst etwas dafür tun müssen. Andererseits dass ein bestimmtes Ereignis (oder Gefühl) durch eigenes Handeln herbeigeführt werden kann.

Und genau dieses herbeiführen eines Gefühls, bzw. DER Gefühle überhaupt beschreibt in vielen Fällen das selbstverletzende Verhalten. Mit jedem Mal, fällt der Druck der aufgestauten Gefühle ab. Manchmal fühlt sich das an wie auf Drogenrausch. Ich beschreibe das gern so, dass ich das Gefühl habe, meine Seele löse sich von meinem Körper. Es tritt also durch unser eigenes Handeln ein bestimmtes Gefühl ein. Die Kontrolle verlieren wir nicht, während des Akts der Selbstverletzung, sondern vorher und über unsere Gefühlswelt. Auch während des Schneidens verlieren wir nicht im klassischen Sinne die Kontrolle. Denn ich kenne keinen SVV-ler, der sich im Vorraus überlegt, wie viele Schnitte er/sie sich zufügt. Wir schneiden so lange, bis wir uns besser fühlen. Dieses Gefühl tritt Mal schneller, mal langsamer ein und hängt dabei natürlich immer von unserer aktuellen Gefühlslage ab.

Bei der Assoziiation Kontrollverlust und Selbstverletzendes Verhalten ist also Vorsicht geboten. Denn mit dem Wort „Kontrollverlust“, versuchen wir unser Charm- oder gar Hassgefühl uns selbst gegenüber zu beschreiben. Denn kein SVV-ler schneidet sich gerne und so sehr manche von uns die Krankheit als Teil ihres Lebens akzeptiert haben, überkommt uns dann und wann, oder jedes Mal, wenn wir es wieder tun, ein Gefühl der Reue. Unser eigenes Verhalten ist uns selbst oft vollkommen zuwider. Wir wollen das nicht tun. Nur war dieses Verhalten über Monate/Jahre hinweg unsere Art mit bestimmten Dingen umzugehen. Damit entwickelte sich das Schneiden  schnell zu einem Ventil, in Situationen mit denen wir meinten nicht zurecht zu kommen. Gerade „alte Hasen“ unter uns wissen, dass es Skills gibt, die helfen. Also Dinge, die wir tun, anstatt uns zu schneiden. Wir wissen aber auch, dass diese manchmal nicht helfen.

Verwendete Literatur
Stangl, W. (2018). Stichwort: ‚Kontrollverlust‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.
WWW: http://lexikon.stangl.eu/20333/kontrollverlust/ (2018-01-18)

Die Stille

Manche lieben dich. Manche können nur sehr schlecht mit dir umgehen. Für manche bist du das Hassobjekt ihres Lebens. Du bist da, wenn wir abends von der Arbeit nach Hause kommen. Wenn wir in aller Herr Gotts Früh auf die Straßen unserer Stadt treten oder nachts über den Dächern den Sternenhimmel beobachten. Du bist da, wenn wir am Morgen durch den Wald joggen und in der Nacht in unseren Betten an die Decke starren. An manchen Tagen bist du schön und friedlich, an anderen unangenehm und peinlich. In unseren dunkelsten Stunden kriechst du in uns hinein, sagst unserer Seele hallo. Manchmal gefällt es dir dort so gut, dass du dich breit machst und eine Weile bleibst. In dieser Zeit ziehst du nicht immer spurlos an uns vorrüber. In manchen von uns breitest du dich so sehr aus, dass kein Platz mehr für etwas anderes ist. Du wirst manchmal geradezu besitztergreifend. Dann möchten wir dich rauswerfen, obwohl du immer ein zuverlässiger Mieter warst. Du und ich. Das ist so eine Hassliebe. Ich hasse dich, wenn ich allein bin. Und liebe dich, wenn du die Welt für mich ausschaltest. Aber selbst wenn ich dich hasse, brauche ich dich. Manchmal, wenn ich dich hasse, brauche ich genau das Gegenteil von dem, was du bist. Manchmal, wenn ich dich liebe, brauche ich genau dich, so wie du bist. Es kommt vor, dass ich nicht ein Mal merke, dass ich dich brauche. Ich stoße dich weg, versuche dich aus meinem Leben zu verbannen. Aber egal wie sehr ich es versuche. Ich brauche dich zum Leben und das weißt du. Und weil du das so gut weißt, kommst du dann ganz langsam angekrochen und zeigst dich mir von deiner besten Seite. Manchmal merken wir erst dass wir dich brauchen, wenn du bei uns bist. Es gibt Tage, an denen sehnen wir dich herbei und Tage, an denen du das bist wovor wir uns am meisten fürchten. Manchmal hätten wir dich gerne, aber kriegen dich nicht. Du bist ein Weltenbummeler. Von Indien bis Australien, du warst schon überall. Du wirst immer da sein. Und überall. Und irgendwann bleibst du für immer.

Rausfallen aus der Norm? – Was Behinderung bedeutet

Eine Behinderung zu haben, die auf den ersten Blick nicht sichtbar ist, hat nicht nur Vorteile. Ich muss mich häufig erklären. Wenn mich die Menschen ansehen, denken sie nicht: Ach ja, die kann das nicht (so gut), weil sie eine körperliche Einschränkung hat. Es kommen eher so Sätze wie „Hä? Warum traust du dich das jetzt nicht?“ Ich finde es teilweise enorm schwierig und manchmal erniedrigend, meine Behinderung erklären zu müssen. Wenn ich zum Beispiel eine steile Böschung nicht runterklettern möchte, weil mein Gleichgewichtssinn so schlecht ist, dass ich zu 99,99 Prozent auf die Schnauze fliege. Für mich war es in der Vergangenheit schwer, die Brandbreite meiner Einschränkungen zu begreifen und zu unterscheiden, was ich tatsächlich aufgrund meiner Behinderung nicht kann und was ich könnte, mich aber schlichtweg nicht traue. Für nicht-betroffene, außenstehende Personen, stelle ich es mir um so schwieriger vor, meine Behinderung zu verstehen.

Eine Behinderung ist bis zu einem gewissen Grad immer individuell. Soll heißen: Wenn ich dir sage, ich bin Spastikerin, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass meine Muskeln so krass gelähmt sind, dass man es mir bei jedem Schritt anmerkt. Gerade als Kind wurde ich von Arzt zu Arzt geschickt. Dort sah ich Kinder, die nur mithilfe einer Gehhilfe vernünftig gehen konnten. So hätte es auch mir ergehen können. Ist es aber nicht. All diese Kinder, die ich sah, hatten die gleiche Krankheit wie ich. Nur eben schwächer oder stärker ausgeprägt. Die Worte „Behinderung“ oder „behindert“, sind mittlerweile fast geflügelte Worte. Jeder benutzt sie, jeder ist der Meinung, dass er/sie sich etwas darunter vorstellen kann, was es bedeutet behindert zu sein. Und grundsätzlich stimmt das auch. Laut Wikipedia, ist die Definition für Behinderung:

>>Als Behinderung bezeichnet wird eine dauerhafte und gravierende Beeinträchtigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe bzw. Teilnahme einer Person, verursacht durch das Zusammenspiel ungünstiger Umweltfaktoren (Barrieren) und solcher Eigenschaften der behinderten Person, die die Überwindung der Barriere erschweren oder unmöglich machen.<<

Klingt erst ein Mal so, als hätten alle Behinderten die Arschkarte des Lebens gezogen und wüchsen völlig isoliert auf. Als wären wir Menschen mit Behinderung kein Teil der Gesellschaft. Das Sozialgesetzbuch, § 2 Abs. 1 drückt es da schon ein wenig netter aus. Hier heißt es:

>>Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher ihre Teilnahme am Leben der Gesellschaft beeinträchtigt ist.<<

Aber auch diese Definition klingt ziemlich diskriminierend. Laut Gesetz bin ich behindert, trotzdem fühle ich mich nicht so, als wäre meine Teilhabe am Leben innerhalb der Gesellschaft beeinträchtig. Was bedeutet denn überhaupt „Beeinträchtigung“ und woran wird das festgelegt?

Diese und viele andere Definitionen beinhalten eine konkrete Kernaussage. Du entsprichst nicht der Norm. In meiner Jugend hatte ich oft das Gefühl, dieser Norm nicht zu entsprechen. Ich bin nicht normal. Dieser Gedanken entstand durch mein angebliches Wissen, anders als die anderen zu sein. Bis ich mich zwei Dinge fragte, ersten: Wer sind (in meinem Leben) „die anderen“ und wer sagt eigentlich, was normal ist und was nicht?

Ich denke, die Antwort auf meine Fragen gefunden zu haben. Zumindest habe ich für mich eine Antwort, die ganz gut in mein Leben passt.

Wer und was „normal“ ist, wird immer von der jeweiligen Gruppe definiert, innerhalb der du dich bewegst. Bin ich also Teil einer Gruppe, von der alle Mitglieder enorm gute Schwimmer sind und ich selbst kann nicht schwimmen, wird dies erstens als Beeinträchtigung gesehen und zweitens entspreche ich nicht der Gruppen-Norm. Trete ich aber einer Gruppe bei, in der alle nur ungerne schwimmen, wird dieses Thema wenn überhaupt nur kurz zur Sprache kommen. Dann interessiert sich die Gruppe nicht wirklich für deine nicht vorhandenen Schwimmkünste. Wie sich eine Gruppe definiert, hängt also von ihren einzelnen Mitgliedern ab. Betrachten wir den einzelnen Menschen, innerhalb einer Gesellschaft, passt für mich der Spruch sehr gut es ist nicht alles Gold, was glänzt. Wenn wir nämlich der Meinung sind, anders als die zu sein, die uns umgeben, hemmt uns oft die Angst, offenherzig auf Menschen zu zu gehen. Doch genau das sollten wir tun. Für uns selbst und um uns zu helfen, sich selbst besser zu verstehen. Denn schnell werden wir merken: Laut Gesetz bist du beeinträchtigt. Aber du bist nicht der einzige Mensch, mit Beeinträchtigung. Es gibt Menschen, die vor dem Gesetz nicht behindert sind und genau wie ich, nicht schwimmen, können. Allzu häufig denken wir alle können das. Nur ich nicht. Nein, wir denken es nicht nur. Wir meinen es sogar zu wissen. Wir stellen gesunde Menschen auf ein Podest, ohne jemals mit ihnen gesprochen zu haben und machen uns selbst klein, damit wir besser zu ihnen hochschauen können. Sobald wir aber anfangen mit unserer Umwelt zu kommunizieren, merken wir schnell:

Niemand ist besser oder schlechter als die beste Version deiner selbst. Begegne den Menschen also möglichst auf Augenhöhe, so nimmst du ihnen die Chance, auf dich runter zu blicken.

Reduzier‘ mich nicht!

Letztens veröffentlichte Krautreporter einen Text über mich. Es geht um den Umgang mit meiner Behinderung. Darunter kommentierte jemand: „Dass man Sie nicht ständig darauf reduziert, sollte eigentlich selbstverständlich sein“.

Aber genau das ist es, was noch viel zu viele Menschen tun, wenn sie auf jemanden mit Behinderung treffen. Entweder bist du nämlich bemitleidenswert, weil du schon so viel durchgemacht hast oder „Boha, du bist ja krass“, weil du so locker und offen damit umgehst, was du schon durchgemacht hast. Liebe Leute, ich will weder Mitleid noch bin ich krass. Ich werde in den Himmel gelobt, für Dinge die meine Mitmenschen Tag für Tag mit einer Selbstverständlichkeit tun, die ich auch gern hätte. Ist nur so, dass ich die eigentlich habe. Nur eben manch andere nicht. Ich bin also Gehbehindert und gehe joggen. Meinen Oberkörper zieren also 4 Narben und ich latsche trotzdem im Sommer im Bikini rum. Meine zwei verschieden große Arschbacken stören mich da ehrlich gesagt mehr, als diese paar Dinger auf meiner Bauchdecke.

Jetzt denken sich viele „Hä? Was hat ihr Hintern denn mit der Behinderung zu tun?“ Ganz einfach: Aufgrund der Spastik habe ich rechts sichtbar weniger Muskelmasse als links, weil ich meine linke Körperhälfte deutlich mehr belaste, als die rechte. Das macht sich zum Beispiel an meinem Handgelenkknochen bemerkbar, welcher rechts mehr hervorsteht als links. Und eben an meinem Hintern. Wenn ich eine Jeans trage, sieht man das nicht. Aber jeder, der mich schon Mal nackt gesehen hat, kann das bestätigen. (Aus datenschutzrechtlichen Gründen, lasse ich die Liste dieser Leute jetzt mal hier raus. Höhö). „Haha, du hast ja echt zwei verschieden große Arschbacken!“, meinte eine Freundin, als sie mich im Bikini sah. „Darf ich mal anfassen?“, fragte sie. Ja, liebe Leute, wenn es die Vertrautheit zulässt, packen Sie mir an den Arsch, um zu erleben wie es sich anfühlt. Gefühlsecht sozusagen. Mein Arsch wird also zur Attraktion und ich Blöd verlange nicht mal Geld dafür. Und dann kommt der Satz, der kommen musste: „Find‘ ich cool, dass du trotzdem einen Bikini trägst. Die Figur dazu hast du auf jeden Fall!“. T r o t z d e m. Ich weiß, dass es nett gemeint ist, aber trotzdem kotz‘ ich da im Strahl. Als Körperbehinderte komme ich nach solchen Aussagen immer in einen gewissen Zugzwang.  Soll ich dich jetzt auch dafür loben, dass du im Bikini rumläufst? Ich fühle mich im Bikini nicht sonderbar. Solange mich meine Mitmenschen nicht zu etwas sonderbarem machen.

Meine Behinderung stand, steht und wird niemals im Mittelpunkt meines Lebens stehen, denn die Behinderung bin nicht ich. Und ich bin nicht die Behinderung. Meine körperliche Einschränkung macht mich nicht aus. Sie gehört zum Repertoire meiner Eigenschaften, wie die Eigenschaft, andere zum Lachen zu bringen. Mir wurde schon häufig gesagt, dass man sich so manches Mal fragen würde „Wie macht die das?“ Ich mache nicht. Ich lebe. Also bitte reduzier mich nicht.